Nächtliche Gedanken

In dem Lied „I dreamed a dream“ aus dem Musical „Les Misérables” gibt es eine Zeile, die “But the tigers come at night” – „Doch die Tiger kommen nachts“- lautet. Wer das Lied und die entsprechende Stelle kennt, weiß um den Akkordwechsel und die danach folgenden Verse: „With their voices soft as thunder; As they tear your hope apart; As they turn your dream to shame“-„ Mit ihren Stimmen so sanft wie Donner; Wenn sie deine Hoffnungen zerreißen; Wenn sie dir deine Träume nehmen“.
Das mag jetzt natürlich ziemlich melodramatisch klingen aber im Grunde ist es ganz einfach: Mit der Dunkelheit und mit dem Alleinsein kommen Gedanken, die zwar in der Helligkeit existieren aber zu bewältigen sind. Im Dunkeln können wir nicht ausweichen; nur kämpfen oder aufgeben. Was diese Gedanken angeht kommt das eine dem anderen nahezu gleich, denn um sie loszuwerden müssen wir uns damit abfinden. Und das bedeutet einen Kampf gegen den Drang nicht an diese Dinge zu denken- was unserer Bewusstsein allerdings wieder genau darauf stößt, denn nicht an etwas zu denken heißt in diesem Fall dem Thema so bewusst auszuweichen, dass es weiterhin in unseren Köpfen schwebt. Um diese Gedanken also tatsächlich zu verbannen müssen wir ja sagen. Ja, ich habe den Abgabetermin völlig aus den Augen verloren und jetzt nur noch 2 Tage Zeit den ganzen Kram zu erledigen. Ja, ich habe mein Handy irgendwo vergessen. Hoffentlich bei meiner Freundin/ meinem Freund Zuhause und nicht im Restaurant. Einmal zugegeben muss sich noch ein Ausweg finden. Man kann einen mentalen Zeitplan erstellen oder sich vornehmen am nächsten Tag ein bisschen rumzutelefonieren. Wenn dem Gedanken der Schrecken abhandengekommen ist, quält er uns nicht weiter. Normalerweise funktioniert das. Diesmal nicht. In kaum 4 Stunden werde ich wieder aufstehen und duschen gehen. Dann werd ich wohl vor lauter Panik meinen Koffer noch etliche Male wiegen, denn schließlich wiegt er fast 22 Kilo und ab 23 muss ich Übergewicht zahlen. Wenn ich das erledigt habe lauf ich weiter rum und spiele das letzte Mal für zehn Monate mit meinen Ratten, was mir wirklich wie einer der schwersten Abschiede vorkommt. Denn wie verabschiedet man sich von kleinen Wesen, die man furchtbar liebt aber die keine Ahnung haben, wie lange sie einen nicht sehen werden. So gegen viertel vor sechs schlepp ich dann irgendwie meine drei Taschen zum Auto. Gegen sechs fahren wir dann los um meine Oma abzuholen und fahren dann weiter nach Düsseldorf, wo ich um 7 ankommen möchte. Ich gebe meinen Koffer ab und gehe mit meiner Familie Frühstücken. Irgendwann mach ich mich dann auf den Weg zum Security Check und verabschiede meine Familie. In Abschieden habe ich inzwischen leider schon etwas Übung. Meine beste Freundin war heute hier und da es für mich einfach nichts surrealeres gibt als eine Verabschiedung von ihr, hab ich es einfach sein gelassen. Warum auch nicht? Ich meine, in läppischen zehn Monaten bin ich wieder da und dann ist alles wieder genauso. Aber das wird es nicht sein, denn ich bin dann jemand anderes und meine Freunde sind selbst auch andere Menschen. Andererleute Freunde. Und das ist gut so! Es gibt kaum etwas sinnloseres als das Vermissen. Klar, die Abwesenheit einer geliebten Person fällt einem natürlich negativ auf. Aber der Mensch arrangiert sich mit solchen Situationen. Und ich bin mir sicher, mein Jahrgang wird sich ab und zu über mich unterhalten oder sie bemerken in der Pause, dass ich nicht da bin aber das wird mit der Zeit immer seltener vorkommen. Und das ist gut so, denn schließlich ist ja nicht die Aufmerksamkeit der anderen mein Grund ein Auslandsjahr zu machen. Wahrscheinlich ist eher das Gegenteil der Fall. Ich weiß das klang jetzt alles so als würde ich mich nicht freuen diese Möglichkeit zu haben. Als würde ich nicht am liebsten sofort bei meiner Gastfamilie klingeln- aber das möchte ich. Ich freue mich so unglaublich auf dieses Auslandsjahr; auf meinen Geburtstag in ein paar Tagen; auf die High School in Amerika und alles was dazugehört. Wenn ich nur schon im Flugzeug säße und nicht mehr darüber nachdenken müsste ob ich nicht vielleicht doch irgendetwas vergessen hätte. Ich will endlich zu dem unterwegs sein, worauf ich mich seit Jahren freue.

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